Musik - Entspannung - Gespräch
Musik - Entspannung - Gespräch
Musikalische Wege zur Heilung
Musikalische Wege zur Heilung

Aktuelles

__________________________

Die heilende Kraft des Singens 

Regelmäßig biete ich in 2019     am Donnerstag 18.00 - 19.30   die Möglichkeit, gemeinsam in kleiner Runde in Salzgitter Bad  zu singen.

Termine: 07.02. 14.03. 11.04. Bitte anmelden:                         0176 46 63 64 20      

 

Gerne biete ich Musik- und Entspannungskurse an -

präventiv oder zur  Weiterbildung.

 

Was gut tut - Wege zur Entspannung. Ein Angebot für pädagogische Fachkräfte und andere InteressentInnen. Eigene Kinder ab 8 J. können teilnehmen.

Smartphone & Co. machen es uns zunehmend schwer, mal eben zu entspannen. Erholungspausen fehlen und es kommt zu toxischem Stress. Hier gilt es  bewusst umzuschalten.

 

Fantasiegeschichten helfen aus dem Alltag "auszusteigen", Sinne anzuregen, Freude zu erleben... Neue Wege der Entspannung  werden beschritten. Übungen aus der Progressiven Muskelentspannung, dem Autogenem Training und einfache Körperübungen helfen, uns besser wahrzunehmen, zu unserer Kraft zurückzufinden.

Unterrichtsrahmen: 4mal 2 Std.

 

Bewegte Meditation

Aus der Bewegung in die Stille zu kommen, ist eine besonders zeitgemäße Form der Meditation - gerade nach einer vielleicht anstrengenden Arbeitswoche.

Atem- und Körperübungen  bereiten uns auf die wunderbar erholsame Meditation der Himmelsrichtungen vor.  Wir finden so zu Ruhe, Kraft und Entspannung. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

 

Singen nach Herzenslust

Singen wird immer beliebter - doch manchmal fällt der Anfang schwer.

In diesem Kurs lernen Sie einfache Lieder aus Deutschland und anderen Ländern kennen. Sie können meist schnell mitsingen und brauchen dafür keine Notenkenntnisse.

Atem-, Stimm- und Körperübungen

erleichtern das Singen und lassen uns zur Ruhe kommen.

 

Einzelangebote 

  • Dein Weg zur Entspannung

  • Körperorientierte Gesprächstherapie/ Focusing

  • systemische Teilearbeit

  • Musik- und Klangtherapie für Kinder und Erwachsene

  • psychosoziale Unterstützung in schwierigen Lebenslagen                                  

  • Magnetfeldstimulation

  • Klavier- und Keyboardunterricht  für Kinder und Erwachsene - mit und ohne Handicaps z.B. bei depressiven Störungen, Ängsten, ADS, ADHS, Autismus-Spektrum

 

Hinweis:

Unter www.zak-hannover.de

finden Sie Workshops für Menschen mit Autismus, für Angehörige und Fachkräfte und Betroffene

 

Angebote der Erwachsenenbildung

 

Veranstaltungen der Regionalgruppe Helmstedt des

ADHS Deutschland e.V.  

 

Anmeldung Tel. (05351) 40390

E-Mail: rg.helmstedt@adhs-deutschland.de

Am Ludgerihof 5, 38350 Helmstedt

 

 

 

Für die Inhalte und Richtigkeit der Veranstaltungshinweise und externen Links kann keine Haftung übernommen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literarisches & Persönliches

 

Zur Zeit bin ich auch besonders interessiert am Austausch von Informationen zum Thema Verhaltensstörungen/psychische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Intelligenzminderung - auch im Rahmen rechtlicher Betreuung.

Außerdem arbeite ich mit Flüchtlingskindernvon 2-12 Jahren unter Berücksichtigung traumapädagogischer Grundsätze. Über Anregungungn und Erfahrungsberichte freue ich mich!

____________________________________________________________________________________

Einfach per Mail zuschicken: g.thiel-musik at gmx.de

___________________________________________________________________________________

Wenn ich einem „behinderten” Menschen begegne, ihn anschaue und denke, wie er denn sein könnte, beschreibe ich mich selbst - meine Wahrnehmung des anderen. Prof. Dr. Georg Feuser

Gnadenlos                                                              

Mit weißen ungepolsterten Lederriemen stramm an einen Pflegerollstuhl festgebunden finde ich einen jungen Mann in einem Pflegeheim vor. Um ihn herum liegen, sitzen oder laufen deutlich ältere und schwer beeinträchtigte Menschen. Kaum einer gibt noch Laute von sich.

Er sei bereits seit einem Jahr fixiert, im Bett, im Rollstuhl, erfuhr ich und hatte mich auf den Weg gemacht.

Der Mann, ich nenne ihn Martin, wirkt aufgedunsen und verzweifelt, schaut an mir vorbei, spricht kaum und undeutlich. Von  Pflegekräften werde ich darauf hingewiesen, dass er um sich schlagen könnte.

Auf dem Flur ist es unruhig, ein Gespräch unmöglich, ein Aufenthaltsraum fehlt. So fahre ich mit ihm nach draußen. Ich bin fremd für ihn. Er ist nicht auf meinen Besuch vorbereitet.                               Wie würde er auf mich reagieren? Würde er mit mir sprechen oder auf andere Weise aktiv kommunizieren? Würde ich ihn verstehen können?

An diesem heißen Tag möchte ich raus mit ihm. Hinter dem Heim ist ein kleiner Park auf einem Hügel. Den schweren Pflegerollstuhl kann ich nur schwer schieben, erst recht nicht auf den Hügel. Als mir eine jüngere Frau hilft, erfahre ich von ihr, dass Martin noch vor gut einem Jahr vieles konnte: Laufen, selbständig Essen, Erzählen, Singen...

Jetzt schreie er häufig und durchdringend, man könne nicht mehr mit ihm sprechen, er wirke oft aggressiv. Nichts davon zeigt sich bei unserem ersten kleinen Ausflug. Und er teilt sich mit: Auf den Spruch: "Du hast es gut, dass du bei dieser Hitze im Rollstuhl gefahren wirst!", höre ich: "Es wäre besser, wenn ich laufen würde, besser für meinen Kreislauf...".

Doch er hat Symptome entwickelt, die ihn am Laufen hindern. Sie weisen auf psychischen Hospitalismus hin: Regressives Verhalten, Pfötchenstellung der Hände, Kontrakturen, Spitzfuß.

Später in Gesprächen mit seiner Mutter erfahre ich: Er habe während der Pubertät den Tod seines Vaters in der gemeinsamen Wohnung miterlebt. Danach habe sie mit ihm zwei Jahre im Ausland gelebt, dort habe er sich wohlgefühlt. Nach einer nicht ganz freiwilligen Rückkehr habe es viele Probleme gegeben. Schließlich wäre er in dieses Pflegeheim geraten: "Austherapiert!" mit Anfang 20.

In diesem Fall ist vieles ungewöhnlich:  Warum wird er schon so viele Monate fixiert? Warum kommt er nicht in ein geeignetes Krankenhaus? Warum kann er, der sich vor noch nicht allzu langer Zeit selbst organisieren konnte, jetzt fast nichts mehr und hat Pflegestufe III+?

Von seiner Mutter erfahre ich, dass er als Kind einen Unfall gehabt habe. Seitdem sei er behindert. Als junger Mann wäre er mehrfach stationär in die Psychiatrie aufgenommen worden. Niemand habe ihm helfen können. So sei er hierher gekommen.

Nach dem Tod eines Mitpatienten wäre er in die aktuelle Krise geraten. Er habe einen „bösen Blick“ entwickelt, wäre unberechenbar geworden. Mit Neuroleptika und Sedativa behandelt musste er wegen Sturzgefahr in einen Rollstuhl. Später erleidet er ein malignes neuroleptisches Syndrom. Er hatte die Vielzahl und Dosis der Psychopharmaka nicht verkraftet. Die neuroleptische Behandlung wird aus medizinischen Gründen beendet. Sie wäre jetzt lebensgefährelich. Sie habe vergeblich versucht, zum rechtlichen Betreuer ihres Sohnes Kontakt aufzunehmen, um Verbesserungen zu erreichen.

Schon nach meinem ersten Besuch im Heim heißt es, ich solle weder therapeutisch arbeiten, noch wolle man, dass ich Musikinstrumente mitbringe. Als ich heraushöre, dass er Schlager liebt, bemühe ich mich um einen CD-Player und CD’s. Beides gibt es nicht auf Station – anscheinend auch keine anderen Beschäftigungsmöglichkeiten. Alle diese Eindrücke veranlassen mich, die zuständige Heimaufsicht zu kontaktieren. Selbstverständlich berichte ich auch von der schockierenden Art und Weise, wie der junge Mann mit Lederriemen an den Rollstuhl festgeschnallt ist.

Bald danach werden Haus- und Besuchsverbote gegen einen Kollegen und die Mutter des jungen Mannes ausgesprochen. Was soll damit bezweckt werden? Ich frage nach, frage bei der Betreuungsstelle des Landkreises, beim Betreuungsrichter, versuche selbst den rechtlichen Betreuer zu erreichen. Ohne Erfolg.

Vorübergehend wird Martin auf die gerontopsychiatrische Abteilung einer großen Klinik verlegt. Auch hier ist er als junger Mann mitten unter sehr alten, sehr verstörten Menschen. Trotzdem erholt er sich etwas, wird nicht fixiert und wenig sediert. Er bewegt sich mehr, macht erste Versuche zu stehen und zu gehen. Doch: Nach vier Wochen muss er zurück ins Heim und baut wieder sehr schnell ab.

Später erfahre ich, dass es in Deutschland so gut wie keine stationären Behandlungsangebote für Menschen wie Martin gibt: für Menschen, die als geistig behindert gelten und psychisch erkrankt sind.

Im Heim wird er wieder fixiert, hat tiefe Augenhöhlen, wirkt gereizt, schimpft, schreit, wirkt ängstlich und verzweifelt. Einige Zeit danach möchte er sich kaum mehr anziehen lassen, nicht mehr aufstehen. Sein Zimmer riecht. Ich ahne, dass er der Fixierung entgehen möchte, die beginnt, wenn er aus dem Bett kommt. Er baut immer mehr ab.

Doch ich kann nichts gegen die Fixierung unternehmen. Das könnte sein rechtlicher Betreuer, der  trotz vieler Bemühungen nicht antwortet. Die Heimaufsicht hält sich nicht für zuständig. Das Betreuungsgericht reagiert nicht auf den Antrag, den Betreuer zu entlassen oder wenigstens einen Kontakt herzustellen. Ein Rechtsbeistand darf anscheinend nicht hinzugezogen werden, da der Betreute ja unter rechtlicher Betreuung steht. (Inzwischen gibt es Hinweise, dass Verfahrensbeteiligte sehr wohl einen Rechtsanwalt für ihn hätten organisieren können.)

So kann ich Martin nur nehmen wie er ist, ohne zu wissen, was er zu diesem Zeitpunkt kann, was er möchte. Da bleibt nur, jeden kleinen Schritt vorher anzusprechen, zu beobachten, zu spüren, ob es so für ihn in Ordnung sein könnte. Ihm Erfahrungen von Ich-darf-sein und Jemand-kümmert-sich-um-mich zu schenken. Ein Schlüsselerlebnis: Wieder einmal finde ich ihn ohne Kleidung zusammengekrümmt auf seiner Plastikmatratze liegend vor. Er schimpft, wirkt kaum ansprechbar. Ich öffne das Fenster, spreche über das warme Wetter, die schöne Luft - ohne Erfolg. Ich verlasse das Zimmer - ratlos. Nach einigen Minuten klopfe ich ausgesprochen leise an die Tür, beim Hereinkommen singe ich ein hinduistisches Heilungsmantra. Tränen steigen mir hoch. Ich sage leise: "Ich bin ganz traurig!" Martin antwortet: "Ich auch!" Von da ab lässt er sich anziehen! Nicht nur dies: Ich habe endlich zuverlässig Zugang zu ihm gefunden.

Wir können nun regelmäßig an die frische Luft fahren, in die Natur, ich singe oder spreche kurze Texte, die ich verschieden betone, mal lauter, mal leiser wiederhole, ermögliche ihm auf Station ein wenig Abwechslung  mit neuen CD’s . Manchmal singt er mit – auch bei wenig bekannten Liedern. So hoffe ich, ihn im Leben zu halten und für Wohlgefühl zu sorgen.

Gleichzeitig bemühe ich mich über die Kostenträger und die Betreuungsstelle um Verbesserungen - vorerst vergeblich. Auch ein kurzer Kontakt zur behandelnden Neurologin und zum Hausarzt verlaufen ohne Ergebnis.  An eine Zusammenarbeit mit Heimleitung oder Pflegekräften ist zu dieser Zeit nicht zu denken. Zu seinem Geburtstag kommt außer seiner Mutter und mir niemand. Es zeigt sich deutlich: Martin ist in diesem Heim fehlplatziert. Man kann oder will auf seine besonderen Bedürfnisse nicht eingehen. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich weiter, seine Kontrakturen nehmen zu. Ob er irgendeine Art von (Körper-)Therapie erhält, ist fraglich.

Nun arbeite ich zusammen mit Martins Mutter intensiv auf die Entlassung des rechtlichen Betreuers hin, bemühe mich um eine bessere Versorgung auf Station. Im Winter zeigt sich, dass er weder eine warme Hose, warme Socken, noch Schuhe (noch nicht einmal Hausschuhe), weder eine Mütze noch Handschuhe besitzt. Seine Kleidung ist ausgesprochen alt und zum Teil voller Flecken. Immer häufiger taucht bei mir der Gedanke auf, bei Martin handele es sich um einen „vergessenen Patienten“.

Endlich gelingt es mir mit Hilfe einer kurzen Fernsehsendung (report münchen), den Betreuer zum Rückzug zu bewegen. Ich erhalte nach vielen Mühen die Erlaubnis, neue Kleidung zu besorgen. Martin genießt es, sagt: „Schön. Weich.“ Ich bringe einige Sachen zur Gestaltung seines Zimmers mit, das bis dahin völlig kahl ist. Auch zwei Stofftiere – einen Teddy und einen Frosch.

Martin sagt: „Der Teddy ist schon alt. Er hat keine Angst mehr.“ Die ersten beiden „richtigen“ Sätze nach einem halben Jahr. Sie sagen viel aus.

Manchmal finde ich ihn fixiert/ohne Beschäftigungsmöglichkeit/ohne Beaufsichtigung/ohne Zugang zur Notfallklingel in seinem Zimmer abgestellt. Eine ganz besondere Form von „Time-out“!?

Wie es ihm dabei geht? Ob es jemanden interessiert? Die Ausflüge mit ihm mache ich ohne Fixierung. Es geht. Es geht gut. Als ich einem Pfleger erzähle, dass ich glaube, dass er nur aus purer Verzweiflung schreit, nimmt Martin meine Hand und gibt mir einen Handkuss. Er versteht viel mehr, als wir uns vorstellen können.

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich immer nicht, was eigentlich mit ihm los ist. Weisen seine Kontaktstörungen und Impulsdurchbrüche (Meltdown nach Overload) auf Autismus-Spektrum hin?

Kontakt- und Bindungsstörungen und viele Symptome, die Martin zeigt, treten auch bei psychischem Hospitalismus auf, sind Folge lang andauernder Vernachlässigung, mangelnder Anregungen –  in der Kindheit wie in Heimen  – und aktuell verstärkt durch die langandauernde Fixierung?

So bleibt nur, dass ich mehrere Möglichkeiten im Blick behalte und mich im Kontakt völlig auf ihn einstimme, ihm Sicherheit vermittle, mir Zeit nehme, alles behutsam dosiere: mal mehr, mal weniger mit ihm spreche, zeige und benenne, was um uns herum ist: die Tiere, die Autos, die Kirche, der See und immer wieder beruhige: Es ist gut. Ich bin da. Oder: Wir sind bei dir - wenn ich ihn zusammen mit meinem Freund besuche. Wir passen auf dich auf und lassen dich nicht alleine. Denn schon jeder bellende freilaufende Hund kann ihn an seine Grenzen bringen (Overload).

Ich bin nach den Besuchen manchmal sehr erschöpft. Trotzdem entscheide ich mich, regelmäßig für ihn da zu sein. Und es gibt sehr berührende Momente.

Im beginnenden Frühling sind wir wieder mit Rollstuhl auf einem holprigen Feldweg. Neben uns fließendes Wasser. Ich spreche einen Text von Thich Nhat Than. Er lauscht und taut auf. Aus dem Text: „Ich atme ein – ich atme aus“ macht er: „Ich steige ein – ich steige aus…“. Wir lachen beide – es ist zu komisch, wie er da in seinem Rollstuhl sitzt und auf eine solche Idee kommt. Er sucht nun während unserer kleinen Ausflüge häufig Blickkontakt zu mir und  besonders zu Kindern, ruft und freut sich mit ihnen. Manchmal kann ich gar niemand sehen. Doch ich frage nicht nach, sondern freue mich mit ihm, dass er sich im Sprechen übt, seine Umgebung wahrzunehmen beginnt. Die basalen Alltagskompetenzen hatte er zu diesem Zeitpunkt fast vollständig verloren  (Barthel-Index zu diesem Zeitpunkt geschätzt 15/100).

An einem der ersten warmen Tage im Frühling dann der eigentliche Durchbruch: Ich steige in einen kleinen Bach und spritze abwechselnd ihn und meinen Freund nass. Martin lacht lauthals und ausdauernd. Irgendwann kommen ihm die Tränen vor lauter Lachen. Und mit dem Lachen kommt die Erinnerung: Er spricht wieder über Ereignisse von gestern, von früher oder von vor einer Woche, beginnt wieder beide Hände zu benutzen, isst und trinkt wieder selbständiger.

Ich bereite ihn auf einen Heimwechsel vor, auf den Besuch des neuen Heimleiters. Vielleicht ist er in einem heilpädagogischen Heim besser aufgehoben? Wird der inzwischen andere rechtliche Betreuer einen Heimwechsel unterstützen? Welche Kenntnisse hat er, die ich nicht habe, haben darf? Es dauert und dauert...

Ich werde mutiger. Fahre mit ihm und meinem Freund im Auto. Durch einen großen Wald. Zur nächsten Eisdiele. Zu einem Straßenfest. Hole einen Straßenmusiker, der extra für ihn Gitarre spielt. Er singt mit, ich drehe mich um, weil ich vor Rührung anfange zu weinen. Und dann – ganz plötzlich: Ja, er wird diese Woche verlegt. Nach Norddeutschland. Heimplätze in heilpädogischen Einrichtungen in der näheren Umgebung gibt es nicht.

Nur eine Woche später: Ich fahre mit ihm allein ins Nachbardorf, fahre in ein schickes Café mit ihm. Er bestellt, isst, trinkt, fast als ob nie etwas gewesen wäre, zeigt mir auf dem Rückweg den richtigen Weg zum neuen Heim, läuft die letzten 30 m mit meiner Unterstützung zu Fuß, steigt mit mir die Treppe zum Haus hinauf und bekommt die riesige Freude zu spüren, die Freude der neuen Mitbewohner, die Freude der Pflegekräfte und meine Begeisterung – selbstverständlich!

In diesem Fall ist alles anders oder Wer wohnt in Deinem Zimmer? Ich und Martin!

                                                  ________________

Inzwischen geht es Martin im neuen Heim deutlich besser. Man kann mit seinen Eigenheiten  umgehen und integriert ihn in die Tagesförderung. Bereits nach vier Monaten wird er von der Pflegestufe III+ in Pflegestufe I zurückgestuft und erlangt seine Alltagskompetenzen schnell zurück. Psychopharmaka werden abgesetzt. Allmählich werden hoffentlich auch die seelischen Folgeschäden der langandauernden Fixierung abgebaut.

Doch das Wichtigste: Er kann meistens klar und deutlich sagen, was er sich wünscht.

Zu Weihnachten? Na klar: Eine CD von Pur: Was ist passiert...?

Der Text darf nur mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis kopiert oder weitergegeben werden.

Vielen Dank Gabriele Thiel

_____________________________________________________________________________________

Einen ersten Einblick in Traumapädagogik bei Geistig Behinderten gibt die Arbeit:

Eleni Makrigianni: Traumapädagogik bei Traumatisierte Menschen mit geistiger Behinderung. Wie kann Traumapädagogik in der Praxis gestaltet werden? Bachelor-Thesis, 2013

http://edoc.sub.uni-hamburg.de/haw/volltexte/2013/2046/pdf/WS.SA.BA.ab13.12.pdf

GEORG FEUSER:  “Austherapiert” und “gemeinschaftsunfähig” gibt es nicht! Die “Substituierend Dialogisch-Kooperative Handlungs-Therapie (SDKHT)”- eine Basistherapie

http://www.dgsgb.de/downloads/volumes/band_33_000_seelische_verletzung.pdf

___________________________________________________________________________

Auszüge aus dem Schriftverkehr mit Herrn J., der sich für ein Ende der Fixierungen von Kindern und Jugendlichen in Heimen einsetzt.

Hallo Herr J.
mangelndes Verständnis für die Problematik langanhaltender Fixierung habe ich erst heute wieder durch ein Schreiben von Herrn D. (Nds.  Min. für soziales, Gesundheit und Gleichstellung) erfahren müssen: Es wird lediglich auf das altbekannte rechtliche Procedere hingewiesen. Die Nebenwirkungen seien bekannt, die Fixierung müsse gerichtlich genehmigt werden und sei das letzte Mittel...
Zusätzliche Warnhinweise (außer zur Vermeidung der Gefahr von Strangulationen wie seit 2013) wären nicht sinnvoll, da kein risikoreduzierender Effekt zu erwarten wäre.
V.G. G. Thiel

vgl. hierzu auch http://blog.kevin-im-rollstuhl.de/risiko-fixierung/ und

www.br.de/nachrichten/au-franziskushaus-kinderheim-ermittlungen-100.html

____________________

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte ich im Herbst 2015 zuerst angeschrieben:
Betr. Warnhinweise bei Fixationssystemen fehlen bez. Gefahr von Kontrakturenausbildung/Verlust der Alltagskompetenzen/ psychische Spätfolgen (Traumatisierung)

Sehr geehrte Frau Dr. B., sehr geehrter Herr Z.,

Fallbeschreibung: Ein junger Mann wird 2 J. fixiert. Nach 1 Jahr Verlust  aller Alltagskompetenzen. V.a. hirnorganisches Psychosyndrom. Die FÄ wollte ihn deshalb in einer neurolog. Kliniken behandeln lassen (was sie dann aber auch wieder unterließ). Sie sah keinen Zusammenhang zwischen Fixierung, mangelnder Aktivierung und Mobilisation und dem Persönlichkeitsabbau. Ich konnte eine Reduzierung der Fixierung, einen Arztwechsel, Betreuerwechsel, Heimwechsel usw. erreichen.
Jetzt ohne Fixierung,  ist der Mann  in der Lage zu gehen usw., doch nur unter Schmerzen (Sehnen verkürzt, Muskelabbau etc.). Auch seelisch ist von gravierenden Spätfolgen der Fixierung auszugehen.
Warnhinweise der Firmen beschränken sich auf  Gefahr von Strangulation und rechtlicher Genehmigungspflicht, es fehlen Hinweise z.B. bei Segufix und BioCare, dass Fixierung als solche gravierende Folgeschäden nach sich kann, auch wenn sie "korrekt" angewendet wird und rechtlich genehmigt ist.
Das Problem ist die Dauer (Keine Begrenzung z.B. max. 2 Std. täglich ohne Unterbrechung usw.) und dass es keine Pflicht gibt, den Patienten täglich mehrfach individuell angemessen zu beschäftigen/ mobilisieren/ aktivieren.
In "meinem Fall" wurde der Patient auch ohne Aufsicht fixiert bei verschlossener Tür längere Zeit (vermutlich länger als 2 Std.) in seinem Zimmer abgestellt... . Auf meine Kritik hin hieß es, dass wäre Time-out und auch in Psychiatrien üblich. Fixierung ist keine Behandlungsmethode gegen Verhaltensstörungen!!!
Ich bitte um Rückmeldung auf meine Meldung.

VG G. Thiel

____________________________________________


An: Ralf J.
Betreff: Re: Lebensgefahr durch langandauernde Fixierung

Hallo Herr J.,
ich habe eben das Schreiben von Herrn Dr. S. gelesen, dass Sie mir freundlicherweise zugänglich gemacht haben. Ähnlich wurde auch in "meinem" Fall argumentiert: Es gibt ausführliche Hinweise über das rechtliche Procedere, ggf. Hinweise, dass bei M. rechtlich alles korrekt verlaufen wäre...

Die menschliche Seite, d.h. was muss ein Mensch - egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener - aushalten/erleiden, wenn er immer wieder oder gar durchgehend fixiert wird, wird gar nicht erst erörtert.
Es haben sich auch für mich noch keine Hinweise aus den Gesprächen mit Heimaufsicht, Richtern etc. ergeben, was zum Beispiel "Fixierung als letztes Mittel" bedeuten soll und welche Maßnahmen zuvor mit welchem Resultat durchgeführt worden sein sollen oder welche noch durchführt werden sollten... . Anscheinend geht es auch bei Kontrollbesuchen (Psychiatriekommission) nur um "Bauchgefühle" - hier stimmt etwas nicht oder es könne eben nicht anders gehandhabt werden.
Erst heute habe ich als Kommentar von einer Richterin gehört: Menschen machen Fehler.
(In "meinem" Fall haben viele Menschen viele Fehler gemacht und das über einen langen Zeitraum hinweg!)
Ich hatte der Richterin erzählt, dass hier nur durch einen Heimwechsel, der unendlich lange gedauert hat, ein Ende der Fixierung erreicht werden konnte und der Mensch alle Alltagskompetenzen wieder zurückerlangt hat.
Fixierung scheint leider immer noch ein Mittel zu sein, zu dem man greift (um es provozierend zu sagen), wenn einem nichts einfällt.

Dass langandauernde Fixierung oftmals eine Sackgasse oder Einbahnstraße ist, aus der die Betroffenen kaum mehr herauskommen, wird gar nicht in die Überlegungen einbezogen.

Und ob die Betreuung/Beschäftigung/Bildung auch schwer beeinträchtigter Menschen heute wirklich immer besser ist wie im You Tube - Film Die Hölle von Ueckermünde?
Oder ist alles nur scheinbar besser - es gibt ja die Sedierung/die "Behandlung" mit hochpotenten Neuroleptika?

Zur Zeit bin ich in einer Ausbildungsgruppe zur ehrenamtlichen rechtlichen Betreuerin. In dieser Gruppe ist der Fall von Martin weitgehend bekannt. Einen der Ausbilder - einen Juristen und Verfahrenspfleger - habe ich einmal gefragt: Wird auch der Tod des Betroffenen als Folge der Fixierung billigend in Kauf genommen? Ja, das wird er.

D.h. auch eine deutliche Verschlechterung des körperlichen Gesundheitszustandes (Muskeldystrophie, hohe Leberwerte, Wassereinlagerungen usw.) wird nicht zum Anlass genommen, über Alternativen zur Fixierung nachzudenken oder um alles daran zu setzen, die Fixierung zu beenden?

Was die Heime für sogenannte schwer erziehbare Jugendliche bis in die 70-er Jahre waren, sind heute noch in manchen Fällen Heime für geistig behinderte Menschen (MmIM).

Viele Grüße Gabriele Thiel

________________________________________________________________________

Der Säuglings- und Bindungsforscher René Spitz:

Leben im menschlichen Sinne wird durch den Dialog geschaffen. (1976)

-----------------------------------------------------------

 

 

 


Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Praxis für Entspannung und Psychotherapie

Erstellt mit 1&1 IONOS MyWebsite.